Manche Smartphones verschwinden, weil sie schlecht waren. Das LG Rollable verschwand, obwohl die Idee verdammt gut war. 2021 zeigte LG ein Handy mit ausrollbarem Display, das sich von einem normalen Smartphone in ein größeres Mini-Tablet verwandeln sollte. Kein Aufklappen wie beim Galaxy Z Fold, kein dicker Scharnier-Klotz, keine sichtbare Falz mitten durchs Bild. Stattdessen: ausziehen, größer werden, fertig.

Das macht das Thema bis heute spannend. Denn das LG Rollable war keine Luftnummer aus der Design-Abteilung, die man mit etwas Nebel und bedeutungsvoller Musik auf einer Messe gezeigt hat. Spätere Videos und Reviews von Prototypen belegen, dass das Gerät weit entwickelt war und offenbar schon ziemlich nah an einem fertigen Produkt lag. Genau deshalb wirkt es heute nicht wie ein kurioser Technik-Fiebertraum, sondern wie eine verpasste Abzweigung der Smartphone-Geschichte.

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Bild: Das LG Rollable zeigt, wie ein ausrollbares Smartphone klassische Foldables mit kompakter Bauform und größerem Display hätte herausfordern können.

Das LG Rollable war mehr als ein CES-Gag

LG zeigte das Rollable Anfang Januar 2021 im Umfeld der CES offiziell und bestätigte kurz darauf, dass es sich um ein echtes Produkt handelt, das noch im selben Jahr erscheinen sollte. Gleichzeitig ordnete der Konzern das Gerät als zweiten Teil seines Explorer Project ein, also jener Reihe, mit der LG bewusst ungewöhnliche Smartphone-Konzepte ausprobieren wollte. Das passt auch zur Vorgeschichte, denn zuvor hatte LG mit dem Wing bereits ein Handy veröffentlicht, das sich drehte statt einfach nur rechteckig vor sich hin zu existieren wie tausend andere Modelle.

Genau dieser Kontext ist wichtig. Das LG Rollable war kein Patentskizzen-Thema und auch kein Fall von wir haben da mal etwas mit Photoshop gebastelt, um Investoren glücklich zu machen. LG wollte das Gerät sichtbar in eine echte Produktlinie einordnen. Das ist der große Unterschied zu vielen Konzept-Handys, die kurz Schlagzeilen machen und danach so spurlos verschwinden wie ein Billig-Ladekabel im Kofferraum.

So funktionierte das Smartphone zum Ausrollen

Die Grundidee war erstaunlich elegant. Im kompakten Zustand blieb das LG Rollable ein normales Smartphone. Wenn mehr Platz gebraucht wurde, sollte sich das Display seitlich erweitern und aus dem Gerät herausgleiten. LG sprach damals von einem anpassbaren Bildschirm, der aus dem Handy ein kleines Tablet machen konnte. Spätere Leaks und Prototyp-Videos zeigten zudem, dass der Mechanismus motorisiert war und sich das Display per Knopfdruck beziehungsweise Geste sichtbar vergrößerte.

Bei den Abmessungen kursierten schon früh Angaben, wonach das Panel von 6,8 auf 7,4 Zoll wachsen sollte. Diese Werte stammen aus frühen Berichten und Vorabinformationen, also nicht aus einem finalen offiziellen Datenblatt. Spätere Hands-on-Berichte stützen das Bild aber ziemlich gut: Das ausrollbare OLED-Display sollte im größeren Zustand ein deutlich tabletartigeres Format liefern, bei dem einzelne Apps sogar automatisch in ein übersichtlicheres Layout wechseln.

Besonders clever war dabei, dass LG nicht einfach nur Fläche um der Fläche willen schaffen wollte. Das Konzept zielte darauf, ein normales Smartphone-Gefühl mit einem erweiterten Bildschirm zu verbinden, ohne dass man dafür ein Gerät mitschleppen muss, das zusammengeklappt ungefähr die Eleganz eines belegten Doppeldeckers ausstrahlt.

Warum das Konzept Foldables so unter Druck gesetzt hätte

Der Reiz des LG Rollable lag nicht nur im Showeffekt. Das Konzept hatte echte Vorteile gegenüber klassischen Foldables.

  • Keine sichtbare Falz in der Bildschirmmitte: Genau dieser Punkt galt früh als klarer Vorteil gegenüber faltbaren Geräten von Samsung, Huawei oder Motorola.
  • Kompaktere Bauform: Ein Rollable blieb im Grundzustand näher an einem normalen Smartphone und wirkte dadurch schlanker als ein zusammengeklapptes Foldable.
  • Mehr Fläche nur dann, wenn man sie braucht: Statt immer ein dickeres Gerät mit zwei Hälften herumzutragen, sollte sich der größere Bildschirm nur bei Bedarf entfalten.

Das war der eigentliche Charme an der Sache. Foldables lösen ein Problem oft mit der Brechstange: mehr Display durch mehr Mechanik, mehr Dicke, mehr Kompromisse. Das LG Rollable wirkte dagegen wie der Versuch, zusätzliche Displayfläche etwas eleganter in den Gerätealltag zu schmuggeln. Nicht perfekt, aber deutlich raffinierter. Und ja, genau deshalb wäre es für viele Foldables unangenehm geworden.

Weshalb LG den Stecker zog

Das Scheitern des LG Rollable hatte am Ende deutlich weniger mit der Idee selbst zu tun als mit LGs Gesamtlage im Smartphone-Markt. Am 5. April 2021 kündigte LG offiziell an, seine Mobile-Sparte zu schließen. Der Konzern erklärte damals, sich aus dem extrem umkämpften Handygeschäft zurückzuziehen und Ressourcen lieber in andere Bereiche zu stecken. Der Rückzug sollte bis zum 31. Juli 2021 abgeschlossen sein. Damit war auch das Rollable praktisch erledigt, noch bevor es überhaupt eine echte Marktchance bekam.

Das ist auch der Grund, warum das LG Rollable bis heute so einen seltsamen Status hat. Es war weder ein gescheitertes Seriengerät noch ein bloßes Zukunftsbild ohne Substanz. Es stand ziemlich genau dazwischen: weit genug entwickelt, um ernst genommen zu werden, aber politisch und wirtschaftlich im falschen Konzern zur falschen Zeit geparkt. Für Technikfans ist das ungefähr so befriedigend wie ein Film mit starkem Anfang, der zehn Minuten vor Schluss einfach endet, weil das Studio das Licht ausknipst.

Die späteren Prototypen zeigen, wie nah LG schon war

Richtig interessant wurde das Thema dann noch einmal 2022. Damals tauchten Videos und ausführlichere Hands-ons auf, die zeigten, dass das LG Rollable nicht nur äußerlich existierte, sondern offenbar voll funktionsfähig war. Man sah den motorisierten Ausfahrmechanismus, die automatische Erweiterung des Bildschirms und die Anpassung der Oberfläche an die größere Fläche. Das war kein halber Dummy mit hübscher Rückseite und traurigem Innenleben, sondern ein Gerät, das bereits sehr konkret wirkte.

Spannend war auch, wie konsequent LG das Konzept zu Ende gedacht hatte. Laut späteren Berichten ließ sich das P-OLED-Display per Wischgeste auf 7,4 Zoll erweitern, einige Apps wechselten in ein tabletähnliches Layout, und im eingerollten Zustand blieb sogar ein Teil des Displays auf der Rückseite sichtbar, um Widgets oder Benachrichtigungen anzuzeigen. Genau solche Details zeigen, dass hier nicht nur am Mechanismus gearbeitet wurde, sondern auch an der Nutzungsidee dahinter.

Natürlich wäre auch das LG Rollable kein Wundergerät geworden. Ein ausfahrbarer Mechanismus bringt eigene Fragen bei Haltbarkeit, Reparatur und Langzeitbelastung mit. Dazu kommt: Solche Technik wäre zum Start sehr teuer gewesen. Aber das ändert nichts daran, dass LG hier einen Ansatz verfolgte, der frischer wirkte als vieles, was im Foldable-Segment bis heute verkauft wird.

LG Rollable und die verpasste Zukunft der ausrollbaren Smartphones

Das LG Rollable bleibt eines der spannendsten nie veröffentlichten Smartphones der letzten Jahre. Nicht, weil es so geheimnisvoll war, sondern weil man ziemlich genau erkennen konnte, was LG vorhatte: ein kompaktes Handy, das bei Bedarf größer wird, ohne die typischen Schwächen vieler Foldables mitzuschleppen. Genau dieser Mix aus normaler Smartphone-Form und zusätzlicher Displayfläche hätte dem Markt gutgetan.

Rückblickend wirkt das Gerät fast wie eine Erinnerung daran, dass Innovation bei Smartphones nicht immer heißen muss, zwei Hälften mit Gewalt aneinanderzuklappen und das dann als Zukunft zu verkaufen. Das LG Rollable hatte eine klarere Idee, eine elegantere Richtung und offenbar schon erstaunlich viel Substanz. Es kam nur ausgerechnet von einem Hersteller, der kurz darauf den gesamten Handybereich dichtmachte. Schlechteres Timing kann man sich kaum ausdenken.

Wenn die Branche das Thema ausrollbare Smartphones noch einmal ernsthaft aufgreift, dann dürfte das alte LG-Konzept schnell wieder als Referenz auftauchen. Nicht als perfekte Blaupause, aber als Beleg dafür, dass es neben Foldables noch eine andere, deutlich elegantere Richtung gab. Und vielleicht ist genau das der eigentliche Reiz am LG Rollable: Dieses Smartphone kam nie auf den Markt und wirkt trotzdem bis heute moderner als manche Geräte, die längst im Laden stehen.